Berufsbild: Übersetzer*in

Es ist eine Tätigkeit, die seit dem Altertum existiert und die nun im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Für internationale Kommunikation und überstaatliche Reichweite ist ein professioneller Sprachmittler in den verschiedensten Bereichen heutzutage unerlässlich. Katrin Mrugalla arbeitet als Übersetzerin und gewährte in ihrem Interview mit dem Eire-Verlag einen Einblick auf diesen Beruf. Wir veröffentlichen es hier mit freundlicher Genehmigung.

EireVerlag: Liebe Frau Mrugalla, Sie haben für den EireVerlag „The Good Friday Agreement“ von Siobhán Fenton aus dem Englischen übersetzt. Wie kam es dazu, dass Sie Übersetzerin geworden sind?

Katrin Mrugalla: Eigentlich hat dieser Beruf mich gewählt. Anfang der 2000er Jahre sind mein Mann und ich vermehrt dazu übergegangen, Krimis (damals lasen wir kaum etwas anderes) auf Englisch zu lesen, weil viele der Bücher unserer Lieblingsautor*innen nicht (mehr) in deutscher Übersetzung erschienen. 2004 beschloss mein Mann, selbst einen Krimiverlag zu gründen, und da wir keine Übersetzer*innen bezahlen konnten, übernahmen wir diese Aufgabe selbst. In Kooperation mit dem damaligen Shayol- und späteren Golkonda-Verlag kamen als Reihe „funny crimes“ insgesamt zehn von uns ausgewählte Krimis heraus, von denen drei Titel, alle von Joe R. Lansdale, auch heute noch bei Golkonda lieferbar sind. Wie bei so vielen kleinen Verlagen beruhte auch unser Projekt auf reiner Selbstausbeutung, und nach zehn Titeln haben wir es beendet.

EireVerlag: Arbeiten Sie freiberuflich? Wenn ja, wie sah Ihr Werdegang aus? Haben Sie z.B. einen klassischen Studiengang absolviert?

Katrin Mrugalla: Für mich war Übersetzen insgesamt immer mehr Hobby als Beruf, und das ist es auch geblieben. Wie so manche*r Übersetzer*in aus dem Englischen habe ich nie Anglistik studiert. Studiert habe ich Romanistik, Orientalistik und Germanistik, dann zur Lebensunterhaltssicherung eine Buchhändlerlehre gemacht und schließlich aus ähnlichen Gründen noch Sozialpädagogik studiert. Nachdem ich bereits mehrere Jahre als Sozialpädagogin gearbeitet hatte, kam ich wie oben beschrieben zum Übersetzen. Netterweise wurde ich dann trotz meiner schrägen Biographie zum einjährigen Aufbaustudium „Literarisches Übersetzen aus dem Englischen“ an der Anglistik-Fakultät der Universität München zugelassen, beim Deutschen Übersetzerfonds habe ich zudem mehrere Fortbildungen gemacht.

EireVerlag: Was würden Sie Studierenden empfehlen, die an einer Karriere als Übersetzer*in interessiert sind?

Katrin Mrugalla: Ich würde ein Studium der Sprachen empfehlen, aus denen man übersetzen möchte, sowie der Germanistik. Teilweise gibt es auch reine Übersetzerstudiengänge, deren Qualität ich allerdings nicht beurteilen kann. Ich vermute aber, ein breit angelegtes Sprachenstudium, auch der Muttersprache, bereitet einen besser auf die vielfältigen Themen vor, auf die man beim Übersetzen stößt.
Abgesehen davon sollte sich jede*r gut überlegen, was die Arbeit als Übersetzer*in bedeutet: wenig Verdienst, sehr viel einsames Arbeiten und nur selten Texte, die einem am Herzen liegen und die man wirklich gern übersetzt. Übersetzen ist für mich trotz allem noch immer die schönste Arbeit der Welt, aber um das zu empfinden, muss man fähig sein, mit den Unwägbarkeiten einer prekären selbständigen Existenz zu leben, sich jenseits von Konkurrenzdenken mit anderen Übersetzer*innen zu vernetzen und sich auch bei Texten, die einem gar nicht gefallen oder liegen, noch über seine gelungenen deutschen Formulierungen zu freuen. Außerdem sollte man auf gar keinen Fall ein Problem mit Abgabeterminen haben.

EireVerlag: Gibt es Tipps, die Sie Interessierten im Allgemeinen geben würden?

Katrin Mrugalla: Man sollte sich häufiger eine Fortbildung gönnen und ansonsten sowohl die Sprache pflegen, aus der man übersetzt, als auch die, in die man übersetzt. Das heißt viel lesen, auch gelegentlich eine gute Übersetzung parallel zum Original. Hilfreich sind auch Filme/Serien in der Ausgangssprache mit deutschen Untertiteln, neben vielschlechten/falschen finden sich auch oft gelungene, knapp und präzise formulierte Übersetzungen, außerdem lässt sich so auch ohne häufige Auslandsaufenthalte die Sprache gut im Ohr behalten.

EireVerlag: Thema Digitalisierung in den Geisteswissenschaften: Haben Sie eine Veränderung in Ihrem Beruf bemerkt? Wenn ja, in welchen Bereichen und in welchem Umfang. Wenn nein, glauben Sie, dass die Veränderungen noch kommen werden? Wie schätzen Sie das Thema Digitalisierung ein?

Katrin Mrugalla: Zum großen Thema Digitalisierung möchte ich nur zwei Punkte herausgreifen. Das Internet ist für die Arbeit de*r Übersetzer*in eine unschätzbare Hilfe. Was früher mühsame Recherche in Bibliotheken erforderte, lässt sich jetzt leicht im Internet finden. Die vielen und noch immer wachsenden Internet-Lexika mit ihren Foren helfen ungemein, auch noch die seltsamsten umgangssprachlichen Formulierungen oder Spezialbegriffe zu finden.
Ein weiterer Aspekt ist die Erfindung der E-Books, eigentlich im kränkelnden Buchgeschäft ein positiver Aspekt, da Verlage manche Bücher nur für eine E-Book-Ausgabe übersetzen können, weil – zumindest bei reinen E-Book-Ausgaben – die Druckkostenwegfallen. Nach meiner Beobachtung schleicht es sich jedoch vermehrt ein, dass für E-Book-Ausgaben deutlich geringere Seitenhonorare an die Übersetzer*innen gezahlt werden, wie leider insgesamt die Entwicklung der Honorare ein sehr unerfreuliches Kapitel darstellt.

EireVerlag: Wie sind Sie vorgegangen bei dem Übersetzen, welche Schritte halten Sie ein?

Katrin Mrugalla: Ich lese jedes zu übersetzende Buch zunächst ganz durch, um ein Gefühl vor allem für den Stil zu bekommen – dies gilt für Romane natürlich noch mehr als für politische Bücher. Im nächsten Schritt nehme ich mir die einzelnen Kapitel vor, lese sie noch mal, suche Wörter heraus, schreibe auch schon mal deutsche Formulierungen an den Rand des Textes, die mir beim Lesen gerade einfallen und die ich nicht wieder verlieren möchte. Ich muss dazu sagen, dass ich – vollkommen altmodisch – per Hand und mit Lexikon an der Seite übersetze, erst Tage später tippe ich das Handübersetzte ein, suche im Internet, was ich im Buch-Lexikon nicht finden konnte, und nehme beim Eintippen schon eine Reihe Korrekturen des Handgeschriebenen vor. Nach Fertigstellung der Gesamtübersetzung drucke ich alles aus, gehe es noch einmal durch, kläre letzte Unklarheiten (manchmal auch, indem ich den/die Autor*in anschreibe). Dann erlaube ich mir den leider nicht jede*r Übersetzer*in vergönnten Luxus, den Text meinem Mann zu geben, der ihn ebenfalls Korrektur liest und mit dem ich gern und leidenschaftlich über seine „Meckereien“ an meiner Übersetzung diskutiere. Erst wenn wir beide mit der Übersetzung zufrieden sind, geht sie an den Verlag – ein Verfahren, das wir am Anfang brauchten, als wir noch keine Ahnung vom Übersetzen hatten, dann weil wir viele Bücher gemeinsam übersetzt haben und unsere übersetzten Teile einander anpassen mussten, und heute, weil es Spaß macht, immer wieder von- und miteinander zu lernen.

EireVerlag: Lesen Sie bevorzugt deutsche oder englische Bücher? Oder Bücher in einer ganz anderen Sprache?

Katrin Mrugalla: Bücher, die auf Englisch erscheinen, fast ausschließlich auf Englisch. Insgesamt dürften sich die von mir gelesenen Bücher die Waage halten, zwischen auf Deutsch oder in einer anderen Sprache erschienenen Büchern.

EireVerlag: Arbeiten Sie momentan an einer Übersetzung – wenn ja, worauf dürfen wir uns freuen? Wenn nein, welche Bücher würden Sie auf jeden Fall gerne für den deutschsprachigen Markt übersetzen?

Katrin Mrugalla: Zurzeit habe ich keine eigene Übersetzung, sondern unterstütze meinen Mann bei seinen. Aber es gibt ein Buch, das ich sehr gern übersetzen würde, wenn sich trotz vermutlich nicht allzu großer Zielgruppe ein Verlag bereitfände, eine deutsche Ausgabe zu veröffentlichen. Es handelt sich um die Autobiografie „Art Sex Music“ von Cosey Fanni Tutti, einer ungewöhnlichen Frau mit einer ungewöhnlichen Kunstauffassung und einer ungewöhnlichen Karriere.
Die Musikerin und Künstlerin Cosey Fanni Tutti ging in ihrer Kunst nicht nur an die Grenzen des Denk- und Darstellbaren, für sie fing Kunst erst jenseits dieser Grenzen an. Am Bekanntesten wurde sie mit ihrer Avantgarde-Band „Throbbing Gristle“ und durch ihre langjährige Zusammenarbeit an diversen Kunst- und Musikprojekten mit dem kürzlich verstorbenen Genesis P. Orridge, mit dem sie auch eine langjährige bereichernde wie auch zerstörerische Beziehung verband. Ich möchte hier aus Fiona Sturges‘ Besprechung dieser faszinierenden Autobiografie im Guardian zitieren:

„Es hat ein halbes Leben gedauert, bis Cosey Fanni Tutti Anerkennung für ihre Leistungen in Kunst, Performance und Musik fand. … Art Sex Music ist nicht einfach nur eine Autobiografie, es ist die Gelegenheit für Tutti, mit den Missverständnissen bei der Rezeption ihrer Kunst aufzuräumen und die Dinge aus ihrer Sicht zu erzählen – und was für eine Erzählung das geworden ist! Dies ist die Geschichte eines außerordentlich kreativen Individuums, bereit, ideologische und soziale Grenzen nicht nur zu überschreiten, sondern möglichst zu sprengen, und das oft unter großen persönlichen Opfern. Sie handelt außerdem vom Ressourcenreichtum unter erstaunlich unangenehmen und harten Bedingungen … und sie ist voll schrägen Humors. Die Einzelheiten aus Tuttis Karriere zu erfahren, ist bis zur letzten Seite faszinierend – was dem Buch aber seine Wärme verleiht, sind die Einblicke in das Privatleben.“

Nach der Lektüre dieses Buchs hört man die Musik von „Throbbing Gristle“ mit ganz anderen Ohren – oder vielleicht zum ersten Mal. Empfohlen sei als Einstiegsdroge „The Second Annual Report“ oder „Funeral in Berlin“.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

(Die Fragen stellte Anna Lemke)

Ein Kommentar zu „Berufsbild: Übersetzer*in

  1. Viele würden wohl gerne ihre eigenen Werke übersetzen und scheitern, weil sie viele Floskeln nicht kennen, da ist es gewiss einfacher aus (beispielsweise englisch) ins Deutsche zu übersetzen.
    Es ist schön sich zu trauen und den Schritt zu wagen. Das habt ihr getan und ehrlich gesagt, ich ziehe den Hut vor dir und deinem Mann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.